Self grotesque, 2013, zweifarbiger Siebdruck
Detail: Self grotesque, 2013, zweifarbiger Siebdruck
Self grotesque, 2013, zweifarbiger Siebdruck
Detail: Self grotesque, 2013, zweifarbiger Siebdruck
Self grotesque, 2013, zweifarbiger Siebdruck
Ausstellungsansicht, rechts: Linda Berger, links: Maria Lassnig
GIRL. WOMAN. OTHER.
Ikonische Frauenportraits von Matisse bis Alex Katz
KUNSTHAUS GMUEND
Hauptplatz 25
9853 Gmuend in Kaernten (AT)
01.05 – 04.10.2026
https://www.kuenstlerstadt-gmuend.at/kunsthaus/girl-woman-other
Die Sommerausstellung 2026 im Kunsthaus Gmünd widmet sich der Darstellung der Frau in der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Gezeigt werden Frauenbilder von der klassischen Moderne bis heute: Henri Matisse’ Tänzerinnen treffen auf Picassos Musen und die leuchtenden Porträts von Alex Katz, ergänzt von kraftvollen Arbeiten zeitgenössischer Künstler:innen. Die Ausstellung „Girl. Woman. Other.“ entfaltet ein vielstimmiges Panorama weiblicher Rollenbilder – von Mutterfigur und Ikone bis zur mutigen Kämpferin und unerschütterlichen Alltagsheldin. Das Kunsthaus Gmünd präsentiert damit erneut eine Ausstellung, die internationale Meisterwerke mit aktuellen künstlerischen Perspektiven in einen eindrucksvollen Dialog bringt. Eine Ausstellung, in der Kunst und Leben einander begegnen.
Mit der Sommerausstellung „Girl. Woman. Other. Ikonische Frauenporträts von Matisse bis Alex Katz“ feiert das Kunsthaus Gmünd die Frau und widmet sich damit einem der zentralen Themen der Kunstgeschichte. Gezeigt wird eine ebenso vielschichtige wie hochkarätige Auswahl an Druckgrafiken und ausgewählten Skulpturen, die Frauenbilder des 20. und 21. Jahrhunderts in all ihren Facetten sichtbar macht.
Ergänzt werden die großen Klassiker durch zeitgenössische Positionen von Irene Andessner, Linda Berger, Sevda Chkoutova, Aldo Giannotti, Claudia Holzinger, Soli Kiani, Ina Loitzl, Judith Wagner und Judith Zillich, die den Blick erweitern und hinterfragen.
Linda Berger
Self grotesque, 2013, zweifarbiger Siebdruck
dreiteilig, à 52 × 52 cm
Exemplar 2/9 sign. num.
Auflage 11 Exemplare
Auf drei Blättern erscheint das Gesicht der Künstlerin in einer strengen Abfolge von Ansichten: Profil, Frontalansicht, Gegenprofil. Die serielle Anlage des Selbstporträts erinnert an fotografische Identifikationsbilder, an polizeiliche Mugshots oder an medizinische Studien. Das Gesicht wird nicht inszeniert, sondern vorgeführt. Die Darstellung ist roh, direkt und bewusst ungeschützt. Das eigene Bild wirkt ausgesetzt, jeder Form von Idealisierung entzogen. Der frontale Blick trifft die Betrachter:innen unvermittelt – ohne Pose, ohne Distanz, unmittelbar konfrontativ.
Die technische Umsetzung verstärkt diesen Eindruck. Berger arbeitet mit zweifarbigem Siebdruck und verschiebt die Siebe während des Druckprozesses bewusst leicht gegeneinander. Dadurch entsteht ein feiner Moiré-Effekt, der die gesamte Bildoberfläche überzieht. Konturen verdoppeln sich, Flächen beginnen zu flimmern, Partien verdichten sich zu dunklen Zonen. Besonders im Bereich der Augen entstehen markante Schatten, die wie tiefe Augenringe wirken und dem Selbstbild etwas Unheimliches verleihen. Diese Verschiebung ist kein technischer Zufall, sondern ein gezielt eingesetztes Stilmittel. Das minimale Daneben erzeugt eine Spannung, die sich unmittelbar auf die Wahrnehmung des Gesichts überträgt. Die Züge der Künstlerin wirken zugleich präzise und instabil, vertraut und irritierend. Das Selbstporträt entzieht sich jeder vollständigen Kontrolle und widersetzt sich der Erwartung eines kohärenten, geschlossenen Bildes.
Self grotesque steht damit bewusst im Gegensatz zur Ästhetik digitaler Selbstinszenierung. Während zeitgenössische Selbstporträts häufig von Glättung, Retusche und Optimierung geprägt sind, legt Berger ihr eigenes Gesicht offen. Nichts wird kaschiert. Das Rohmaterial der eigenen Erscheinung bleibt sichtbar – in aller Ungeschöntheit und Offenheit. Der Titel verweist auf die Tradition des Grotesken, die historisch mit Verzerrung, Grenzüberschreitung und der Infragestellung von Normen verbunden ist. Bei Berger entsteht das Groteske nicht durch Überzeichnung, sondern durch minimale Abweichung. Gerade diese Zurückhaltung verleiht dem Selbstporträt seine Eindringlichkeit. Das Unheimliche liegt im Detail, im kaum merklichen Versatz, der das eigene Bild kippen lässt.
Dem Selbstporträt haftet dabei ein beklemmendes Moment an. Sich selbst in dieser Offenheit zu zeigen, bedeutet, sich bewusst dem Blick anderer auszusetzen – und zugleich darauf zu verzichten, diesem Blick entsprechen zu wollen. Berger entzieht sich Erwartungen, Zuschreibungen und dem Bild, das andere von ihr sehen möchten. Das eigene Gesicht wird nicht geschönt, es behauptet sich. Gerade diese Haltung verleiht der Arbeit ihre Radikalität: als selbstbestimmte Geste gegen Anpassung, Kontrolle und gefällige Sichtbarkeit.
Text von MMag. Julia Schuster
Vorsitzende des Vorstands
Künstler:innenstadt Gmünd gemeinnützige Privatstiftung | Künstlerstadt Gmünd
www.kuenstlerstadt-gmuend.at