DO NOTHING TILL YOU HEAR FROM ME

Text anlässlich der Ausstellung in der MUSA Startgalerie am 23.11.2017

 

Do Nothing Till You Hear From Me – Text von Bob Russel zu einer 1940 von Duke Ellington komponierten Melodie – ist ein poetisch-musikalischer Appell an das Vertrauen auf die eigene Empfindung, wenn äußere Stimmen ihr zuwiderlaufende Gerüchte verbreiten. Duke hatte das Stück zuerst dem Trompeter Cootie Williams gewidmet, einem Meister des „Growlings“, einer Technik, bei der der instrumental gespielte Ton durch gleichzeitiges Singen gebrochen wird. Die dadurch entstehenden Interferenzen werden im Sinne eines räumlichen Effekts wahrgenommen, vergleichbar dem Sound eines doppelchörigen Instruments.

Ähnlich könnten wir Linda Bergers „Strichzeichnungen“ wahrnehmen, von denen sie zwei neue Großformate im MUSA zeigt: Es rauscht und flimmert, verschiedenste Tonalitäten gehen ineinander über, und zugleich fügen sich deren gegen unendlich konvergierende Farbstriche immer wieder zu Galaxien zusammen, die im Gesamten einen polyphonen Bildraum generieren. Statt durch einen Urknall entstanden zu sein, scheint sich dieser visuelle Kosmos in einem Raum-Zeit-Kontinuum zu befinden, das sich im gleichzeitigen Aufscheinen gleichwertig fluktuierender Qualitäten permanent relativiert und neu konstruiert.

Der Vergleich eines musikalischen Stücks mit einem bildnerischen scheitert gemeinhin an der Differenz von räumlicher Simultaneität der Zeichen (Bild) und zeitlicher Linearität der Töne (Musik). In Linda Bergers Bildgenerierungsverfahren lässt sich allerdings ein Moment ausmachen, das mit einer uralten, im Jazz wieder aufgegriffenen musikalischen Sprache enge Verwandtschaft hat: die Improvisation. Linda Berger „komponiert“ ihre Stücke nicht per Notation, sondern sie lässt sie im Prozess des Werdens der Kombination visueller Zeichen entstehen. „Ich bin im aktuellen Prozess des Seins, nicht etwa in der Vorstellung eines Ergebnisses“, sagt die Künstlerin selbst, und, explizit: „Die Zeichnungen sind eine Transformation der inneren Prozesse in eine visuelle Form.“ Der Empfindung dieser „inneren Prozesse“ – Befindlichkeiten, Gefühle, die immer auch durch Einflüsse von außen mitbedingt sein können – gibt Linda Berger während des Zeichnens zwar ein Gehör, überlässt sie aber nie gänzlich dem freien „automatistischen“ Lauf ihrer Hand. Unter Kontrolle stehen stets die Länge der Striche und deren Zusammenspiel, das sich, wie Claudia Karolyi einmal schrieb, zu einer „wogenden Pelzigkeit“ formiert. „Kraul mir den Pelz, Baby“, hat die Künstlerin denn auch eine ihrer Werkreihen übertitelt, zu der Cooties Trompete womöglich auch ohne Dukes Notation schnurrig gegrowlt hätte …

 

Lucas Gehrmann, Kurator Kunsthalle Wien