Die Kunsthistorikerin Cornelia Offergeld hat zur Arbeit von Linda Berger folgenden Text verfasst:

 

Das Eigene und das Andere – von der Wirklichkeit zur Abstraktion

Linda Bergers zentrales künstlerisches Interesse gilt der Transformation von Gedankenprozessen in eine visuelle Form. In Tuschezeichnung, Radierungen, Rauminterventionen und Assemblagen setzt sie sich mit der individuell erlebten Wirklichkeit sowie deren Vergänglichkeit auseinander und sucht nach einem Dialog zwischen dem Eigenen und dem Anderen.

 

Federzeichnungen

Die filigranen und gleichzeitig dichten Tusche-Federzeichnungen der Künstlerin entstehen über einen längeren Zeitraum hinweg. In meditativen Arbeitsprozessen zeichnet Linda Berger mit der Feder zarte, atmosphärische Gebilde, die aus der Distanz betrachtet die Erinnerung an Landschaften, Insektenschwärme, planetarische Nebel oder auch geologische Fundstücke hervorrufen. Aus der Nähe erkennt man die unzähligen feinen, unterschiedlich farbigen Striche, die mit lockerer Hand intuitiv aus dem Prozess des Zeichnens heraus aufgetragen wurden. Den Arbeitsablauf beschreibt Linda Berger als einen „empirischen Vorgang“ in einer „Laborsituation“. Oft sind es Monate, in denen sie sich, auf großformatigen Papierrollen zeichnend, zu jener Bruchstelle vorarbeitet, in der der individuelle Ausdruck in Abstraktion übergeht und sich die Vorstellung von Gegensätzen wie Mikrokosmos und Makrokosmos gegenseitig aufheben. „Die Zeichnung ist nah und fern zugleich. Direkt vor dem Papier verschwimmen die vielen Schichten zu einer Art flimmernder Malerei. Mit der Zeit entstehen Zustände einer Karte, einem Plan, einer Landschaft, Verdichtungen oder Strukturen einer Auflösung“, so die Künstlerin.

Rauminterventionen

Für ihre Rauminterventionen überträgt die Künstlerin die Zeichnung in die Dreidimensionalität. Siebzig Stunden arbeitete sie an einem etwa 7,5 m2 großen Raum, der nur über das Fenster zu betreten war. Dazu tauschte sie die Feder mit dem Pinsel und überzog Wände, Boden und Decke sowie Türen, Steckdosen und Kabel des leerstehenden Zimmers mit kleinen Strichen, die sich zu Strudeln verdichteten, um dann wieder lichte Stellen zu lassen. Wie bei den Papierarbeiten entsteht eine eigene Dynamik in den Strichlandschaften, in die Künstlerin sowie Betrachter_innen eintauchen. In der Kunstwissenschaft wird für diesen Zustand der Begriff der Immersion, im Sinne der Überführung des Ichs in einen Bewusstseinszustand, bei dem sich die Wahrnehmung der eigenen Person aus der realen Welt herauslöst und sich mit einer virtuellen Welt identifiziert, benutzt. Damit geht naturgemäß eine Veränderung der Zeitempfindung einher, die die Künstlerin in ihren Zeichnungen auf mehreren Ebenen auslotet. „Zeit ist für mich ein wichtiger Faktor“, sagt Berger. „Im Prozess des Zeichnens mit Tusche und Feder geht es um Genauigkeit und um einen physischen und psychischen Zustand, der durch mehrere Wochen oder Monate untersucht wird.“ Eine zentrale Rolle dabei spielt die kontinuierliche Veränderung, die Linda Berger auch mit den Mitteln der Druckgrafik, in Radierungen und Siebdrucken untersucht. Für die Serie “Überwucherung“ wurde so zum Beispiel die Kupferplatte von ihr bezeichnet, geätzt, gedruckt und dann mehrfach erneut bezeichnet, geätzt und gedruckt. Die aus diesem Vorgang resultierenden 41 unterschiedlichen Drucke zeichnen einen Prozess nach, bei dem die Kupferplatte jeweils an Struktur und Dichte zunimmt.

Assemblagen

Linda Bergers Assemblagen sind Collagen aus unterschiedlichsten kleinen Fundstücken, von Nutzgegenständen bis hin zu Tonscherben, die sie über mehrere Jahre hinweg – man möchte sagen obsessiv -gesammelt hat. Die Künstlerin sieht in ihnen ein Archiv „zurückgelassener Spuren“, die sie nach unterschiedlichen Kriterien ordnet und auswählt. Für den zwischen 2011 und 2013 entstandenen Werkkomplex thematisierte sie das Gegensätzliche: Helle, leichte Gegenstände waren dunklen, schweren gegenübergestellt. „ Das Sammelschema ist eine intuitive Suche, eine Aneignung von Information, eine neurotische Anwendung im psychologischen und poetischen Sinn oder auch eine Kompensierung, um die Komplexität des Lebens zu verstehen“, erklärt die Künstlerin. „Vorhandene Elemente aus Formen und Farben werden zu einem Repertoire an Instrumenten mit individuellen Eigenschaften, die mich herausfordern, neue Zusammenhänge und Kompositionen zu schaffen.“

2014