Das bewegte Bild – Das Bild bewegt – Zeit und Takt – Among the stones

 

Linda Berger (D/A) und Roland van der Meijs (NL)

 

Text von Dr. Edith Almhofer anlässlich der Ausstellung im Basement am 13. Sept 2019

 

 

Das Generalmotto des heurigen Jahres im BASEMENT lautet „DAS BEWEGTE BILD – DAS BILD BEWEGT“. Es geht also um Dynamik, Bewegung sowohl in den Prozessen des bildnerischen Schaffens als auch in jenen der Rezeption. Damit kommen – worauf ja auch der Untertitel verweist – unvermittelt und unvermeidlich weitere Faktoren ins Spiel: Zeit und Takt. Über deren Bedeutung hat Peter Weibel erstmals 1987 in seinem mediengeschichtlichen Text DIE BESCHLEUNIGUNG DER BILDER IN DER CHRONOKRATIE referiert. Er beschreibt die Entwicklung vom handwerklich gefertigten, analogen Bild über die mechanische Reproduktion in Fotografie und im Film bis hin zum digitalen Werk als eine Geschichte der Beschleunigung. Parameter des Raumes und der Entfernung, aber auch von Arbeit und Kapital werden – seiner Analyse nach – heute wesentlich unter der Prämisse ihrer Zeitlichkeit und ihrer Geschwindigkeit betrachtet. Der Takt hat sich beschleunigt. Das bewegt auch die Kunstwelt. Die ästhetischen Diskurse kreisen verstärkt um das Post-Digitale und die Bedingungen des Produzierens an der Schnittstelle von materiellen und virtuellen raumzeitlichen Spielfeldern. Der Monopolanspruch auf Wahrhaftigkeit, der lange Zeit der mechanischen und später der digitalen Aufzeichnung zugemessen wurde, ist heute unterminiert. Dementsprechend ist auch das analoge Produzieren heute ohne Reflexion der allgegenwärtigen Technologie nicht mehr denkbar, wobei die künstlerische Praxis gerne mit Strategien experimentiert, die den Blick weniger darauf richtet, was das Kunstwerk darstellt, als darauf was das Kunstwerk tut, wenn es in den Kreislauf der individuellen Rezeption und medialen Zirkulation eintritt. 

 

LINDA BERGER fokussiert in ihren Arbeiten auf Aspekte des Zeigens und Verbergens. Mit dem Einschreiben, Zusammenballen, Aufschichten unzähliger feiner Federstriche wird eine Leerstelle zum Verschwinden gebracht – nämlich jene des unbearbeiteten, geschichtslosen Zeichengrundes. Die blanke Fläche des Papiers wird zum Handlungsraum und Projektionsort mit, auf und in der der zeitaufwändige, sich oft über Monate erstreckende Bildschöpfungsprozess stattfindet. Das daraus resultierende Werk ist enorm detailliert. Es zeugt von einer zeichnerischen Obsession und konfrontiert uns mit einer bildlichen Verdichtung der künstlerischen Lebens- und Arbeitszeit.

 

Ursprünglich kommt LINDA BERGER von der Druckgraphik, was ihren individuellen Stil und zeichnerischen Duktus nachhaltig geprägt hat. Beim Wechsel von der Radierplatte zu Papier und lackiertem Holz als Bildgrund ist sie dem energisch gesetzten Strich treu geblieben und hat zudem die Farbe als weitere Ausdrucksmöglichkeit für sich entdeckt. Ihre technische Virtuosität spielt sie lustvoll aus. Die akkurate Strichsetzung, die nicht von ungefähr an alte Meister erinnert, aber auch Othmar Zechyr und Turi Werkner könnten als zeitgenössische Wahlverwandtschaften genannt werden, bleibt stets kontrolliert. Nicht der einzelne, isolierte Strich, sondern erst die simultane Zusammenschau unzähliger, verschiedenfarbiger Einzelelemente imaginiert geordnete Unordnung. Die flirrenden Farbflächen eröffnen Sehräume, welche den Blick gleichermaßen bannen und verstören. Streift das Auge nur beiläufig über das dicht gewebte Lineament, erkennt es vage Strukturen, welche Bewegung in das statische Bild bringen und es nimmt Muster aus, welche das Kontinuum der Bildfläche rhythmisieren. Verweilt der Blick indessen, erschließen sich Imaginationsräume ungeahnter Tiefe. Mangels entsprechender innerbildlicher Bezugspunkte, – es gibt keinen Fluchtpunkt und damit keinen festgelegten Standpunkt der Betrachtung – ist die von der euklidischen Geometrie definierte Kontinuität des Raumes außer Kraft gesetzt. Die Zentralperspektive wird unterlaufen. Immer wenn das Auge etwas zu erkennen vermeint, entflieht die Darstellung der optischen Erinnerung – in einer Dialektik, die von fast mathematischer Stringenz getragen ist. Dennoch wird der Blick sogartig in eine metrisch unbestimmbare Tiefe gezogen um sich in einer unanschaulich-anschaulich gemachten Grenzenlosigkeit zu verlieren. Das Visionäre und Imaginative wird hier zelebriert. Assoziationen zu den Fotografien des Hubble-Teleskopes liegen ebenso auf Hand, wie zu den Farbräumen des Impressionismus. Cornelia Offergeld spricht in ihrem Text „Das Eigene und das Andere – von der Wirklichkeit zur Abstraktion“ von „planetarischen Nebeln und geologischen Fundstücken“. Die Künstlerin beschreibt sie im selben Beitrag als „Zustände einer Karte, eines Plans, einer Landschaft, als Verdichtungen oder Strukturen einer Auflösung“. 

 

Linda Berger arbeitet dabei wie gesagt mit ausschließlich analogen Mitteln, wobei ihr gerade der handwerkliche Aspekt der meditativ-repetitiven Arbeitsweise, die mich ein bißchen an die Übungspraxis in der Musik erinnert, wichtig ist. 

 

Dieser Aspekt prägt auch das Werk des zweiten heute präsentierten Künstlers. Der Niederländer ROLAND VAN DER MEIJS befasst sich unter dem Überbegriff Sound-Art oder Sound-Architecture im weitesten Sinne mit Raum und Klang. Inhaltlich kreist seine Arbeit, die ich der Nachfolge von Christina Kubisch verpflichtet sehe, seit jeher um die mannigfaltigen Schnittstellen von Natur und Kultur. Schon in seinen frühen Arbeiten thematisierte der gelernte Architekt Kreisläufe der Natur und deren Wahrnehmung. So setzte er 2012 die Land-Art-Installation OBSCURA REVERSE in die niederländische Moorlandschaft. Die dem Gehäuse einer Kamera nachempfundene, transparente Konstruktion aus Holz, Glas und Torf, erschließt eine neue Sicht auf die durch die Bewirtschaftung des Bodens im Laufe der Zeit geformte und sich immer weiter verändernde Landschaft und macht somit die untrennbare Einheit von Natur und Kultur bewusst. Viel expliziter noch kommt dieses Thema in seinen klingenden und sich bewegenden Installationen zum Ausdruck, die ich als wahre Lehrstücke für die Aufmerksamkeit empfinde. 

 

Die hier präsentierte TIME CAPSULE OF LIFE, eine in Weiß gehaltene, aufblasbare Plastik, stellt eine organische Struktur dar, und zwar den winzigen Samen eines Baumes aus den Urwäldern Südamerikas. Der verwendete Werkstoff ist Kunststoff, genauer gesagt sind es herkömmliche Einkaufstaschen, mit denen wir üblicherweise unseren täglichen Bedarf besorgen und unseren Müll entsorgen. Mit seiner überaus eleganten und feingliedrigen Komposition, welche die Strukturen des natürlichen Vorbildes maßstäblich vergrößert, streicht der Künstler die besonderen ästhetischen Qualitäten dieses Werkstoffes heraus, seine Leichtigkeit, seine gute Formbarkeit, seine Beweglichkeit und seine Transparenz. Darüber hinaus spielt er mit der Materialwahl bewusst auf die aktuelle Meeresverschmutzung durch Plastikmüll an, ein dringliches Problem, das in unser aller Interesse in naher Zukunft gelöst werden sollte. Von der vielgliedrigen Urform des Kerns, der – wie der Werktitel beschreibt – zukünftiges Lebens in sich birgt, fertigt der Künstler, in Nachahmung der einst bei Bildhauern üblichen Methode des Bozzettos, zuerst ein Modell im Miniaturformat. Dieses wird in der Folge Teil für Teil vergrößert, ehe die einzelnen Elemente – es gibt bei diesem Objekt übrigens keine zwei gleichen – händisch aus Plastikfolie geschnitten und zu aufblasbaren Zellen verklebt werden. Jedes Kompartiment erhält zudem einen eigenen Atemweg. Durch das Netzwerk an Schläuchen, welche übrigens auch aus Kunststoff bestehen, wird das Objekt in Bewegung gesetzt indem abwechselnd Luft in die Form gepumpt oder aus ihr abgesaugt wird. Dabei durchläuft es verschiedene Stadien einer Metamorphose. In einem steten Kreislauf von Werden und Vergehen wächst sie, schwillt an, expandiert und breitet sich raumgreifend aus ehe wiederum ein Schrumpfungsprozess beginnt, bei dem die pralle Form langsam zur undefinierbaren Hülle in sich zusammenfällt. Die Eigengeräusche dieses Prozesses, das Knistern der Plastikfolie während ihrer Expansion und Kontraktion, verstärkt der Künstler mit digitalen Mitteln, sodass sich das Publikum durch einen gleichermaßen fremden und doch vertraut anmutenden Raumton in einen meditativen Kontext versetzt fühlt, der kollektive wie individuelle Erinnerungen und Empfindungen evoziert. 

 

Generell ist das Zusammenspiel von analogen und digitalen Instrumenten zur Erzeugung von Sound ein Markenzeichen von ROLAND VAN DER MEIJS. In der zweiten seiner hier präsentierten Arbeiten spielen mit Wasser gefüllte Klangschalen, die zweckentfremdet auf die Plattenteller umgebauter Technics-Player montiert wurden, die Hauptrolle. Die legendären Plattenspieler, deren robuste Bauweise Scratching und Backspin erlaubten und damit die technischen Voraussetzungen für DJ-Kultur, Hiphop und Techno bereitstellten, wurden allerdings umfunktioniert. Der klassische Tonabnehmer dient jetzt als analoger Tongeber, wobei der am Schalenrand aufliegende Arm die kreisende Schale in Schwingungen versetzt und zum Klingen bringt. Nun sind die Schalen nicht ganz ident und generieren unterschiedliche Töne, was wiederum zu Interferenzen führt. Kleine Unregelmäßigkeiten im Schalenrand sind darüber hinaus für eine minimale Rhythmisierung des an sich monotonen Klangs verantwortlich. Im Zusammenspiel – oder im Duell der Töne, wie der Künstler sagt – entstehen sogenannte SOUND-KNOTS, die sich in einem körperlich erfahrbaren SOUND-FIELD überlagern. Durch die Einübung eines differenzierten Hörens – was dem Publikum Aufmerksamkeit und Zeit abfordert und sehr wohl auch äußerst unangenehm berühren kann – wird die Wahrnehmung gefordert. Gelingt die Übung, werden wir uns – und sei es nur für einen Moment –unserer sinnlichen Gegenwart, bewusst. Wagen Sie doch bitte den Versuch!